Gib mal das Bild!

Ein Foto wird meistens nur angeschaut – selten schaut man in es hinein.~Ansel Adams

Wie oft ist wohl schon der folgende Satz gefallen?

“Das Bild mußt Du mir mal geben!”

Jeder, der fotografiert, wird ihn schon gehört haben. Und diejenigen, die den Satz ausgesprochen haben, werden sich in den meisten Fällen (oder in allen) keinerlei Gedanken darüber gemacht haben, warum jemand, der fotografiert, das tun sollte bzw. welche Arbeit ein Fotograf damit hat, daß ein Bild so aussieht, wie es eben nachher aussieht.

Ich möchte im folgenden mal einen groben Ablauf anhand eines plastischen Beispiels skizzieren.

Mannschaftsfotos und Einzelporträts

Wir nehmen mal den Fall an, daß Mannschaftsbilder von einer Fußballmannschaft angefertigt werden sollen. Ein professioneller Fotograf ist viel zu teuer (Warum sind die eigentlich so unverhältnismäßig teuer? Die verlangen doch viel zu viel für das bißchen Arbeit!), so daß ein ambitionierter Hobby-Fotograf mit entsprechender Ausrüstung gefragt wird. Natürlich schlägt dieser den Wunsch nicht ab. Die Arbeit kann also beginnen…

Ausrüstung packen (Zeitaufwand: 60 Minuten)

Um halbwegs vernünftige Porträtfotos hinzubekommen, wird das entsprechende Equipment benötigt, damit die Spieler gut ausgeleuchtet werden können. Ob der Fotograf nun mit Blitzen oder Lampen arbeitet, ändert nichts an der Arbeit, denn die Ausrüstung muß natürlich zum Ort der Aufnahmen gebracht werden. Es müssen also zwei Stative mitsamt der entsprechenden Leuchten oder Blitzen ver- und eingepackt werden. Um die Blitze auslösen zu können, braucht man Batterien, die eventuell noch gekauft werden müssen, wenn sie keine allzu große Lebensdauer mehr haben. Benutzt man wiederaufladbare Akkus, müssen diese geladen werden. In beiden Fällen ist das mit Kosten verbunden. Die Akkus der Kamera(s) müssen ebenfalls aufgeladen werden. Die Kamera(s) müssen in der Kameratasche verstaut werden. Das Objektiv für’s Fotoshooting kommt dazu. Jetzt benötigt man noch einen transportablen Hintergrund und Gaffa-Tape, um vor Ort Dinge fixieren zu können – zum Beispiel den Hintergrund. Die Verlängerungskabel mitsamt Kabeltrommel dürfen nicht vergessen werden.

Wenn man alles zusammengepackt hat, läuft man etliche Male zum Auto, um die Taschen und Kisten im Kofferraum zu verstauen.

Ausrüstung aufbauen (Zeitaufwand: 60 Minuten)

Ist man vor Ort angekommen, müssen die Utensilien aus dem Auto in die Räumlichkeiten gebracht werden, wo fotografiert werden soll. Das Aufbauen des Equipments geht einem zwar mit der Zeit schnell von der Hand, aber aufgrund der Vielzahl der Klemmen, Schirme und Kabel hält das trotzdem auf. Hat man alles so aufgebaut, wie man sich das vorgestellt hat, muß die Szenerie optimal ausgeleuchtet werden. Dazu benötigt man jemanden, den man zur Probe fotografieren kann, um das Ergebnis begutachten zu können. Etliche Male werden die Blitze und Lampen neu ausgerichtet und eingestellt, bis man auch hier mit dem Ergebnis zufrieden ist und das Fotoshooting beginnen kann.

Anhand der Mannschaftsliste werden Nummern an die wartenden Spieler ausgegeben, damit man sie zunächst einmal mit dieser Nummer ablichten kann, denn sonst weiß man bei der anschließenden Bildbearbeitung, bei der die Fotos mit dem Spielernamen versehen werden sollen, gar nicht, wen man da fotografiert hat.

Fotoshooting (Zeitaufwand: 75 Minuten)

Von jedem Spieler werden je drei bis fünf Bilder in mehreren Posen geschossen. Pro Spieler dauert das ca. drei Minuten. Geht man von einem 20 Mann großen Spielerkader aus und zählt noch die Trainer, Co-Trainer, Betreuer, Physios etc. dazu, ist man bis zu anderthalb Stunden beschäftigt, wenn keine Verzögerungen auftreten und Akkus gewechselt werden müssen oder ein Blitz bzw. eine Lampe den Geist aufgibt. Manche Porträtierten möchten anschließend auch noch kurz das Foto sehen, was man ihnen durchaus gewähren sollte.

Wenn anschließend noch ein Mannschaftsfoto mit allen Spielern gewünscht ist, muß alles noch einmal umgebaut und neu ausgeleuchtet werden…

Ausrüstung einpacken (Zeitaufwand: 30 Minuten)

Sind alle Spieler und Trainer fotografiert, wird alles wieder abgebaut und fein säuberlich in den Taschen und Kisten verstaut, bevor man erneut etliche Male zum Pkw läuft, um die Sachen dort zu verstauen.

Import der Bilddateien auf den PC (Zeitaufwand: 30 Minuten)

Zu Hause ist die Arbeit nicht erledigt. Die Speicherkarte kommt in den PC, um die Bilddateien zu übertragen. Wenn man die o. g. Anzahl von 20 Spielern und z. B. zwei Trainer und einen Betreuer als Grundlage nimmt, die in vier verschiedenen Posen je fünfmal fotografiert wurden, handelt es sich um 460 Dateien. Wenn ich nun die Bilder nicht im RAW-Format, sondern auch noch als JPEG auf der Speicherkarte habe, um eine Vorschaudatei zu haben, reden wir nun also von 920 Dateien. Aufgrund der Probefotos im Vorfeld wächst diese Zahl noch einmal an, so daß man von ungefähr 950 Dateien ausgehen kann, die übertragen werden müssen.

Ich persönlich gehe anschließend hin und sichere diese Dateien gleich noch einmal auf einer externen Festplatte, damit ich sie im Falle eines Falles immer noch habe.

Sichten und Aussortieren der Bilder (Zeitaufwand: 30 Minuten)

Wenn man die Dateien übertragen hat, müssen die Bilder gesichtet werden. Dabei werden die Bilder aussortiert und gelöscht, bei denen die fotografierte Person unvorteilhaft aussieht, weil sie beispielsweise die Augen geschlossen hat. Nach diesem Vorgang sollte von jeder Person und Pose nur noch ein einziges Bild übrig sein.

Bearbeiten der Bilder mit Lightroom o. ä. (Zeitaufwand: 120 Minuten)

Jetzt geht es ans Feintuning. Mit einem Bildbearbeitungsprogramm werden die zu bearbeitenden Bilder eingelesen und so bearbeitet, wie der Fotograf das möchte. Die Wünsche des Auftraggebers werden selbstverständlich ebenfalls berücksichtigt. Im Idealfall hat man als Fotograf die freie Hand, was die Bearbeitung angeht. Hierbei geht es zum Beispiel um Tonwertkorrektur, aber eben auch um den persönlichen Stil des Fotografen. Lichter und Kontrast werden hier angepaßt und je nach Vorlieben mehr oder weniger Regler verschoben.

Die Erfahrung hat gezeigt, daß man durchaus zwischendurch mal eine Pause einlegen sollte, weil man relativ schnell die Lust verliert und die folgenden Bilder dann nur noch “schnell, schnell” bearbeitet, was man ihnen nachher ansieht. Diese Pause ziehe ich jedoch nicht zur Berechnung heran.

Bearbeiten der Bilder mit Photoshop o. ä. (Zeitaufwand: 60 Minuten)

Wenn die Bilder so aussehen, wie sie aussehen sollen, müssen sie noch mit einer Banderole versehen werden, auf der dann der Spieler- und Vereinsname zu lesen sind. Dafür muß zunächst einmal eine solche Banderole erstellt werden. Wie soll sie aussehen? Welche Farbe soll sie haben? Wo auf dem Foto soll sie nachher zu sehen sein? Diese Fragen sind entweder mit dem Auftraggeber vorher abzustimmen oder aber der Fotograf entscheidet das spätestens jetzt.

Wenn die Banderole erstellt wurde, muß wieder jedes einzelne Bild geöffnet werden und der jeweilige Spielername muß eingetragen werden. Pro Foto dauert das letzten Endes nur eine Minute, aber bei den bereits erwähnten 23 Personen und je vier Fotos, kommt man hier auch noch einmal auf ca. 92 Minuten. Diese Zeit kann man jedoch reduzieren, weil der Spieler- bzw. Trainername ja jeweils nur einmal eingegeben werden muß.

Bilder mit Wasserzeichen versehen (Zeitaufwand: 30 Minuten)

Um deutlich zu machen, wer der Urheber der gefertigten Bilder ist, erscheint es sinnvoll, die komplett fertigen Bilder mit einem Wasserzeichen zu versehen. Dieses darf jedoch nicht zu groß sein und damit vom Porträt ablenken. Außerdem muß es so gesetzt werden, damit es nicht unbedingt auffällt, aber trotzdem zu sehen ist.

Upload der Bilder (Zeitaufwand: 30 Minuten)

Um dem Auftraggeber die Bilder schnellstmöglich zukommen zu lassen, bietet sich das Internet an. Die Datenmenge der fertigen Bilder sorgt dafür, daß ein Upload (auf den eigenen Webspace oder bei einem externen Anbieter) ca. eine halbe Stunde dauert.

Endergebnis

Unter’m Strich hat man für ein einziges Mannschaftsfoto und vier Spielerporträts pro Spieler also 525 Minuten aufgewendet, was 8,75 Stunden entspricht. Eventuell gab es noch Vorabsprachen, die ein professioneller Fotograf (z. B. Hochzeitsfotografen) stets anbietet, die in diese Berechnung nicht eingeflossen sind.

Zudem sind keinerlei Kosten (z. B. für die Anschaffung der Kamera, der Objektive, der Blitze, der Lampen, der Stative, der Hintergründe, der Bildbearbeitungsprogramme, der Kamerataschen oder die Fahrtkosten zum Ort des Shootings oder die Stromkosten für das Aufladen der Batterien und Akkus etc.) berücksichtigt worden, die nicht nur der professionelle Fotograf hat!

Berechnung

Ein professioneller Fotograf setzt mindestens 60 Euro pro Stunde an. Wir kämen also für die Mannschaftsfotos auf 525 Euro, die durch hinzukommende Steuern auf 609 Euro steigen. Und mit dem Preis wäre der Fotograf sensationell preiswert!

Städtereise / Fotospot

In den meisten Fällen dürfte es sich jedoch nicht um Auftragsarbeiten handeln, bei denen jemand nachher nach dem fertigen Foto fragt, denn der Auftrag beinhaltet ja, daß man die Bilder anschließend auch zur Verfügung stellt. Vielmehr geht es bei der eingangs genannten Frage immer um Fotos von Sehenswürdigkeiten, die dem Betrachter so gut gefallen, daß er sie gerne haben möchte. Entweder geht es dabei um eine Verwendung als Bildschirmhintergrund oder man möchte sich das Bild an Wand hängen. Selbstverständlich wäre es im zweiten Fall weniger Arbeit für den Fotografen, wenn man demjenigen, der das Bild haben möchte, die Datei zur Verfügung stellen würde, damit er sich das Bild selber entwickeln lassen kann. Aber das würde auch bedeuten, daß er diese Datei mehrfach verwenden könnte. Er könnte sie sogar so bearbeiten, wie er das gerne hätte. Und im schlimmsten Fall würde er nachher noch behaupten, daß es sein Bild sei. Doch wir wollen niemanden böse Absicht unterstellen. Es geht lediglich um die Unkenntnis des Aufwandes, der zur Entstehung eines Fotos gebraucht wird.

Wenn man sich die oben genannten Zahlen bezüglich der Mannschaftsfotografie anschaut und als Basis nimmt, dabei jedoch berücksichtigt, daß es sich bei der Bearbeitung um eine reine Fleißarbeit handelt, die einem keinerlei künstlerische Fertigkeit abverlangt, dann sieht das bei Fotos, die man von Städtereisen mitbringt, ein wenig anders aus.

Als Beispiel kann ich hier anführen, daß ich von der Photokina 2018 593 Bilddateien mit nach Hause gebracht habe, die in wenigen Stunden entstanden sind. Bei unserem dreitägigen Salzburg-Trip waren es 946 und aus New York bringe ich nach einer Woche regelmäßig an die 5000 mit. Jetzt sieht die Sichtung solcher Bilder natürlich ein wenig anders aus, als die der statischen Porträts. Und nach der Sichtung verhält es sich mit der Bearbeitung ebenfalls ein ganzes Stück weit anders. Oft müssen Bereiche ausgebessert werden, weil doch ein Ast ins Bild ragte, oder störende Elemente müssen weggestempelt und stürzende Linien begradigt werden.

Aus Erfahrung kann ich sagen, daß ich für ca. 1000 Bilddateien ungefähr drei Tage benötige und am Ende vielleicht ein einziges Bild übrig bleibt, mit dem ich voll und ganz zufrieden bin. Der Aufwand ist also ungleich größer, das Ergebnis aber wesentlich kleiner.

Und dieses eine Bild soll ich kostenlos weitergeben???
Never!!!

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