#BLEiB – BeLichtErstatter in Berlin

Zwölf gute Fotos in einem Jahr sind eine gute Ausbeute.~Ansel Adams

Mittwoch, 19.06.2019 (28 Grad, 10,21 km)

Nach der Ankunft im Hotel war zunächst einmal Ausruhen angesagt, es war ja schließlich Urlaub vom Alltag angesagt. Nach einem kleinen Mittagsschläfchen packte ich meine Kamera und machte mich auf den Weg, der mich jedoch nicht allzu weit führte. Ich ließ mich ein Stück weit treiben und arbeitete drei Spots meiner Berlin-Liste ab, ehe ich von Charlottenburg aus wieder zurück zum Bahnhof Zoo fuhr und meinen Tag mit einem Burger bei Jim Block ausklingen ließ. Das sollte für den ersten Tag reichen.

Donnerstag, 20.06.2019 (22 Grad, 15,19 km)

Der zweite Tag begann regnerisch und kühl. Leider lag mein Hotelzimmer nicht zur Straße, so daß ich hätte sehen können, wie die Passanten angezogen waren, so daß ich mit kurzer Hose das Hotel verließ, was am frühen Morgen nicht gerade angenehm war.

Die Tauentzienstraße war noch menschenleer, was ein Stück weit am Wetter gelegen haben dürfte. Ich wollte heute zunächst ins Nikolaiviertel und fuhr bis zum Spittelmarkt. Auch hier waren kaum Menschen anzutreffen. Das Nikolaiviertel war ebenfalls menschenleer. Von dort aus spazierte ich Richtung Berliner Dom und dann über die Museumsinsel. Hier erhoffte ich mir dann doch ein wenig mehr Leben, aber irgendwie schien heute nicht mein Tag zu sein.

Außerdem war im Abschnitt vom Berliner Dom bis zur Humboldt-Universität nichts wirklich fotogen. Überall hatte man einen Kran oder Teile eines Baugerüstes auf dem Bild, so daß ich das Fotografieren dann doch einstellte, bis ich am Brandenburger Tor ankam. Hier war es Zeit, die neue Kamera „auf Herz und Nieren“ zu prüfen. Die Fotos, die ich ansonsten hier teilweise stundenlang gemacht hatte, wollten mir aber heute nicht gelingen. Ich hielt mich zwar noch ein wenig am Brandenburger Tor auf, aber entschied mich dann irgendwann, mich in Richtung Hauptbahnhof zu begeben. Ich ging vorbei am Kanzleramt durch das ehemalige Brach- und mittlerweile sehr üppig bebaute Lang. Selbstverständlich sieht auch hier mittlerweile alles gleich aus – als ob der Architekt am Werke war, der sämtliche deutsche Innenstädte geplant hat.

Ich suchte die Berliner Filiale von „Calumet“ auf, von der ich dann doch ein wenig enttäuscht war. Ich hatte ein Geschäft erwartet, das vollgestopft mit Fototechnik ist, doch hier wirkte alles ein wenig steril. Ich erkundigte mich nach einem Akkuladegerät für die Sony-Akkus meiner neuen Kamera, verließ den Laden aber aufgrund des doch recht hohen Preises. Mein Hinweis, daß ich Vergleichbares bei Amazon für weniger als die Hälfte gesehen hatte, wurde mit der Aussage „Dann müssen Sie bei Amazon kaufen!“ gekontert. Auf Wiedersehen!

Vom Hauptbahnhof fuhr ich mit der S-Bahn zum Bahnhof Zoo und verbrachte den späten Nachmittag im Spa-Bereich des Hotels, ehe ich zum Sonnenuntergang noch einmal die Behausung verließ. Der eigentliche Grund war die Nahrungsaufnahme, aber die Kamera war natürlich dabei. Schöne Fotos waren jedoch aufgrund der Menschen, die mittlerweile den Breitscheidplatz bevölkerten, nicht zu machen.

Ich nahm mein Essen mit auf‘s Hotelzimmer und schaute mir dabei den Film „Klassentreffen 1.0“ an, was ich auch lieber sein gelassen hätte. Aber so konnte ich wenigstens gut einschlafen, weil der Film so gut war. 😉

Freitag, 21.06.2019 (25 Grad, 19,07 km)

Ich hatte mir als als Startpunkt für meinen Tag das Grab von Graciano Rocchigiani gesetzt, das sich auf dem St.-Matthäus-Kirchhof befindet, wo auch Rio Reise, die Gebrüder Grimm und Chris Roberts begraben sind. Vom Grab von Rocchigiani hatte ich bereits im Internet die Koordinaten und die genaue Grablage ermittelt, so daß das Auffinden des Grabes keinerlei Probleme darstellte. Ganz schön traurig übrigens, wie das Grab aussieht. Es hat acht Monate nach der Beerdigung immer noch das Holzkreuz und keinerlei Einfassung oder Umrandung.

Das Grab von Chris Roberts war allerdings nicht zu finden. Ich suchte noch auf dem Friedhof im Internet, aber die dort angegebenen Koordinaten stimmten leider überhaupt nicht, so daß ich den Friedhof nach halbstündiger Suche unverrichteter Dinge verließ.

Vom Friedhof aus ging ich zum Viktoriapark, wo ich mir den Wasserfall anschauen und fotografieren wollte. Mittlerweile war es bereits wärmer geworden und nachdem ich den Park wieder verließ, merkte ich, wie sehr es dort bergauf und bergab ging.

Ich fuhr zur Kochstraße und schaute mir den Checkpoint Charlie an (Zum wievielten Mal eigentlich?). Mittlerweile erinnert fast nichts mehr an den einstmals geschichtsträchtigen Ort. Die dort für Touristen aufgestellte Baracke ist nicht mehr das Original (Die Originalbaracke steht übrigens im Alliiertenmuseum in Dahlem.). Die (allesamt ost- oder südeuropäisch aussehenden) Schauspieler, die sich vor der Baracke in Uniform für ein Foto aufstellen, lassen sich das teuer bezahlen – viel zu teuer, wie ich finde. Für ein Foto verlangen sie 3 Euro oder 4 US-Dollar. Wofür genau??? Das Geschäftsmodell scheint aber zu funktionieren, denn permanent gesellen sich Touristen zu ihnen und bezahlen für ein Foto, von dem sie denken, daß es irgendeinen Bezug zur Geschichte hat. Das einzige, was hier noch einen Bezug zur Geschichte hat, ist der Ort und sonst nichts. Das Hinterland der ehemaligen Grenzübergangsstelle ist mittlerweile komplett bebaut, so daß einen eigentlich fast nichts mehr an den ursprünglichen Checkpoint erinnert. Unnötig zu erwähnen, daß sich auch hier die üblichen Bettler rumtreiben und zwischen den Touristen umherschwirren. Von Mitarbeitern der Stadt Berlin, die sich der Sache annehmen, war nichts zu sehen. Irgendwie ein erbärmliches Bild, das sich einem hier bietet.

Über die Zimmerstraße ging ich in Richtung Westen und stellte kurz vor der Wilhelmstraße fest, daß der Weltballon aufgrund zu starker Höhenwinde heute nicht mehr aufsteigen würde. Ansonsten hätte ich überlegt… Über die Wilhelmstraße ging es zum Gendarmenmarkt und durch die Mohrenstraße zum alten DDR-Regierungsviertel, wo sich mittlerweile auch die westdeutsche Regierung mit einigen ihrer Ministerien niedergelassen hat.

Ich ging zum Neptunbrunnen, wo ich mich einige Zeit aufhielt und die Passanten beobachtete, ehe ich vorbei am Alexanderplatz ging. Auf dem Weg nahm ich das “Museum der Illusionen” mit. Ich wollte mir das ehemalige ADN-Gebäude aus der DDR-Zeit anschauen, dessen Fassade aber mittlerweile ebenfalls komplett neu gestaltet wurde. Auf dem Rückweg entschied ich mich zu einer einstündigen Schiffstour über die Spree, die live von einer lispelnden Dame moderiert wurde, die das aber eher lieblos und genervt anstatt mit voller Hingabe tat. Ich setzte mich steuerbord an die Reling und hatte um mich herum reichlich Platz, was sich jedoch noch vor der Abfahrt änderte, als zwei Pärchen mit zwei Kindern entdeckten, daß dem so war. Also setzten sich die Erwachsenen vor mich und die Kinder nahmen hinter mir Platz. Ich finde es ja schön, wenn Kinder sich frei entfalten können und sich auch noch für Fotografie beginnen zu interessieren. Aber daß man alle zwei Sekunden schreien muß, wenn man etwas gesehen hat, das sich aus Kinderaugen lohnt zu fotografieren, erschließt sich mir nicht – noch viel weniger allerdings, daß die Eltern dem keinen Einhalt geboten haben. Überflüssig zu erwähnen, daß mir die Kinder bei ihrer Rumhampelei andauernd in den Rücken traten. Irgendwann wurde es mir zu bunt und ich bat die Kinder, doch ein wenig aufmerksamer zu sein und auf ihre Füße aufzupassen. Eine schöne Bootstour war das! Wenigstens brannte die Sonne vom Himmel.

Anschließend ging ich ins DDR-Museum, das ich vor ca. zehn Jahren schon einmal besucht hatte. Danach spazierte ich über die menschenleere Museumsinsel vorbei an der Stadtwohnung unserer Bundeskanzlerin zum Bahnhof Friedrichstraße, von wo aus ich zum Hotel zurückfuhr.

Samstag, 22.06.2019 (24 Grad, 13,8 km)

Mein Tag begann erst nach Mittag, denn ich verbrachte den gesamten Morgen im Bett, bevor ich um 13.00 Uhr das Hotel verließ. Rund um den Stuttgarter Platz hatte ich ein paar Punkte in westlicher Richtung ausgemacht, die ich mir anschauen wollte. Nachdem ich das getan hatte, spazierte ich in einem leichten Bogen einfach weiter und erreichte irgendwann die Deutsche Oper. Ich schaute mir noch einmal an, wo Benno Ohnesorg am 02.06.1967 erschossen wurde, weil ich gerade in der Nähe war, ehe ich im Untergrund verschwand und mit der Straßenbahn zum Potsdamer Platz fuhr. Ich hatte kein wirkliches Ziel und so verhielt ich mich auch: Förmlich orientierungslos irrte ich durch die Gebäudeformationen (war ich natürlich nicht wirklich!), ehe ich mich mangels fotografischen Inputs zum Brandenburger Tor begab. Dabei genoß ich die Sonnenstrahlen.

Am Brandenburger Tor setzte ich mich auf eine Parkbank und schaute dem munteren Treiben zu. Dabei faszinierte mich mal wieder, wie hoch die Verweildauer der einzelnen Menschen hier ist. Einige stehen berufsbedingt mehr oder weniger den ganzen Tag hier, andere kommen auf dem Weg vom Alex zum Reichstag oder Holocaust-Mahnmal hier vorbei, machen ein oder zwei Fotos und ziehen weiter. Durchschnittlich dürfte die Verweildauer also wohl eher kurz sein. Menschen aus aller Herren Länder stolzieren an einem vorbei, wenn man sich nur lang genug hier aufhält. Man hört deutsch (natürlich), französisch, englisch, spanisch, italienisch, russisch, polnisch, japanisch, chinesisch und indisch und sieht dementsprechend auch viele verschiedene Ethnien. Auf mich wirkt der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor immer ein wenig künstlich ohne wirkliches Leben. Sicherlich pulsiert es hier, aber “lebt” der Platz deshalb auch? Rechts und links vor dem Brandenburger Tor hat man Wasserfontänen bzw. Springbrunnen installiert, die für zusätzliche Bewegung sorgen, aber die französische Botschaft, die Grünfläche davor und mit ihr auch die aufgestellten Parkbänke sind mittlerweile mit Drängelgittern komplett abgesperrt. Vor der amerikanischen Botschaft auf der anderen Seite stehen finster dreinblickende Menschen in Uniform, die einem alleine durch ihr Erscheinungsbild zu verstehen geben, daß man sie besser meidet. Also drängelt sich alles in der Mitte des Platzes, der zwar breit genug ist, aber viel Platz ist nicht wirklich. Viele “Touristenfänger” halten sich hier auf. Die Biketaxis umkurven die Passanten, Demonstranten geben ihr Stelldichein, Polizisten patroullieren und Straßenkünstler mit Luftballons, Seifenblasen oder was auch immer runden das Bild ab. Schräg gegenüber des Platzes hat sich eine Starbucks-Filiale niedergelassen – selbstverständlich möchte man fast sagen. In den umliegenden Geschäften bezahlt man annähernd das Doppelte für ein Produkt, das woanders eben weitaus günstiger zu haben ist. Oder sind 2,80 Euro für 0,5 Liter Coke gerechtfertigt? Für eine kleine Currywurst muß man hier schon mal satte 4 Euro berappen, wobei man zwar arm aber nicht satt wird.

Trotzdem mag ich den Pariser Platz und halte mich gerne hier auf, so auch heute. Irgendwann wurde mir allerdings dann meine Fototasche zu schwer und die Sonne brannte auf der Haut, so daß ich mich dazu entschied, mich zu entfernen. Wohin wollte ich? Ein Ziel hatte ich immer noch nicht wirklich. Letzten Endes lud ich mir eine App auf mein iPhone, mit der ich eines der zahlreichen am Straßenrand abgestellten Miet-Fahrräder nutzen konnte. Und so radelte ich für 1 Euro durch den Tiergarten zurück zum Zoologischen Garten, wo ich das Fahrrad abstellte und “Five Guys” auf der Joachimsthaler Straße aufsuchte. Dort orderte ich einen (maßlos überteuerten!) Burger und begab mich anschließend zum Hotel.

Damit war der Berlin-Aufenthalt de facto beendet, denn am morgigen Sonntag stand lediglich noch die Rückreise von Tegel aus auf dem Programm.

gesamt

  • 58,27 km
  • 1040 Dateien auf der Speicherkarte
  • Ausgaben vor Ort: 190 Euro

Was habe ich auf dieser Reise gelernt?

  1. Öffentliche Veranstaltungen müssen mittlerweile mit mobilen Lkw-Sperren geschützt werden, wie ich auf dem Breitscheidplatz, den ich mehrfach überquerte und wo das letzte Wochenende eines Spargelmarktes stattfand, sehen mußte.
  2. Wenn man alleine in einer Sitzgruppe bei Starbucks am Flughafen sitzt, dann wird man von niemandem gefragt, ob die anderen Plätze noch frei sind. Zunächst setzt sich ein Fremder einem gegenüber und wenige Minuten später kommt der nächste Fremde und setzt sich direkt neben einen. Höflichkeit scheint einigen nicht bekannt zu sein.
  3. Im Starbucks am Flughafen kann man sein Gepäck minutenlang unbeaufsichtigt am Rand abstellen, ohne sich irgendwelche Gedanken darüber zu machen, welche Auswirkungen das vielleicht haben könnte.
  4. Beim Starbucks kann man eigenes Essen mitnehmen und verzehren. Dabei muß es sich nicht zwangsläufig um Gebäck oder Brötchen handeln, es darf auch eine komplette Pizza sein.
  5. Die Sitzgelegenheiten beim Starbucks kann man für einen ausgedehnten Mittagsschlaf blockieren, wofür man noch nicht einmal einen Kaffee konsumieren muß. (Waren übrigens auch die Leute mit der mitgebrachten Pizza. Man wird ja auch müde, wenn man ne ganze Pizza verdrückt hat!)
  6. Wenn ich jemand anderem von dieser Reise (oder von was auch immer) erzählen möchte, muß ich möglichst oft die Begriffe „mega“, „krass“ o. ä. benutzen und dabei die Vokale langgezogen aussprechen. Das dürfte sich dann vielleicht so anhören: „Ey, Alta! Berlin ist meeeega! Die ganzen Sehenswürdigkeiten sind unnormal kraaaaass, Digga! Da stand ich einfach so vor dem Reichstag – einfach so. Voll kraaaaass! Und da gegenüber wohnt ja auch die Dings, die hier so für Deutschland entscheiden tut. Wie heißt die nochma? Ach, egal. War auf jeden Fall meeeega!“

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